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Kleine Zuhörerschaft hatte viel Spaß

Mit „Mogel“, seinem neuesten im Oktober 2014 erschienen Roman, machte Nils Mohl auf seiner Lesereise, Station in Mücke. Der Kunstturm Mücke hatte den bekannten Autoren eingeladen. Mit dem Kurator Thomas Vinson vom Kunstturm, verbindet den Autoren eine persönliche Freundschaft. Michael Fliegl vom Kunstturm Mücke begrüßte Nils Mohl in der Mediathek. Man hätte sich mehr Gäste gewünscht, doch die Anwesenden hatten viel Spaß bei der Autorenlesung „unplugged“ . Hatte man doch als Gast die Möglichkeit mit dem Autoren mal auch Tuchfühlung zu gehen.

Nils Mohl wurde in 1971 geboren und lebt mit seiner Familie in seiner Heimatstadt. Ein Sohn und zwei Töchter gehören zum Familiennachwuchs. Nach dem Studium arbeitete er im Baugewerbe, im Einzelhandel, in der Logistikbranche, unterrichtete als Dozent unter anderem an der Uni Hamburg und war lange Jahre Angestellter in der Reklamewirtschaft. Er besitzt einen Campingwagen auf der Nordseeinsel Amrum.

Für sein neues Buch hat er die Idee von „Charlies Tante“ aufgegriffen und den Miguel vom Stadtrat zur Miguella von der Vorstadt werden lassen. Der Rollentausch ist reizvoll. Sie bietet einem eine neue Sichtweise.

Auszüge aus dem Buch:

Es fehlen noch einige Monate, bis ich 16 werde, und als wäre das nicht schon niederschmetternd genug, lungere ich also zu später Stunde auch noch in Tanke 2 herum, herausgeputzt als, Doppelpunkt: Mädchen. Hallo! Im Shop der Tankstelle! Mädchen-Make-up! Mädchenohrclips! Mädchen-Shorts, die direkt unter den Pobacken enden! Ausstaffiert mit wirklich allem Drum und Dran, bis hin zur poppigen Armbanduhr mit Glitzerziffernblatt, bis hin zum frühlingswiesenfrischen Mädchenduft, bis hin zum lässigen Schultertäschchen, darin sind sogar ein Kondom mit Ananasgeschmack und – Brüller – zwei NotTampons. Ja-woll. Das ist offensichtlich das Großartigste, was dir die Vorstadt an Samstagabenden zu bieten hat, wenn du 15 bist – herzlich willkommen. Immerhin: keine Pfennigabsätze. Immerhin! Die Stöckelschuhe sahen krass nach Kinderstrich aus. Auf die Turnschuhslipper habe ich deshalb bestanden. Vertretbar bei meinen schlanken Füßen, das fällt gar nicht weiter auf. Aber die zu den bunten Dingern ziemlich gewagte schwarze Netzstrumpfhose geht womöglich doch zu sehr in Richtung Luder. Der notgeile Spaten hinterm Tresen schielt mir auf den Hintern. Dreist und unverhohlen. Ich übertreibe nicht. Er hat gesprungene Lippen, an seine schiefen Hauer ist ihm die Drahtschnur einer festen Klammer genietet, er trägt Papiermützchen und kriegt die Schielaugen einfach nicht los von meinem Heck. Nimmt man den grenzdebilen Gesichtsausdruck dazu, sieht es aus, als hätte er kürzlich die Schule geschmissen und wäre mit dem Tragen eines Papiermützchens noch gut bedient. Drüben auf der anderen Straßenseite feixen sie sich eins auf ihrem Posten im Dunkeln, während ich vorm Kühlregal stehe und Bierdosen mustere und Papiermützchen hinter mir bestimmt immer tiefer in abartig schmutzige Phantasien abdriftet, die unter Garantie was mit Nacktheit zu tun haben. Mit meiner Nacktheit. Vielleicht auch mit seiner. Wenn der wüsste! Die Combo da draußen kommt auf ihre Kosten. Die erleben jeder für sich gerade ein inneres Blumenfest. Wetten? Ich schmecke Lippenstift auf der Zunge. Ich trage einen gepolsterten BH, ausgestopft mit Kosmetiktüchern. Mein Haar hat man mir im Nacken zu zwei Stummelzöpfchen frisiert, die von Zopfbändern mit Strassklimbim im Zaum gehalten werden. Ich muss da jetzt durch, dass Papiermützchen über sein Tittenmagazin zu mir rüberlinst. Ich muss da durch, dass der Abend bislang keinen richtig glücklichen Verlauf für mich genommen hat. Andere Vorschläge?

Die Schiebetür des Shops geht. Hengst. Mit Candy im Schlepp. Hengst hängen die Hemdspitzen lässig über der Hose. Vielleicht steht das Hemd oben weiter auf als nötig – um ca. einen Knopf zu viel. Den Vorwurf könntest du ihm machen. Aber willst du das? Hengst hat Candy im Schlepp! Candys Haare sehen im grellen Licht des Tankstellenshops aus wie Honig. Und verdammt, die Haut. Dieser einzigartige toastbraune Teint. Süß. Und im Film würde jetzt eine Kaugummiblase vor Candys Mund prall werden und platzen, und Candy würde trotzdem kein bisschen doof dabei rüberkommen. In echt ist es so, dass jetzt eine Kaugummiblase vorihrem Mund prall wird und platzt und Candy dabei wie das einzige Mädchen in der Welt rüberkommt, das so etwas besser kann als im Film. Und das auch darf. Und überhaupt. Peng! Sie trägt so ein Flatterdings von Bluse, etwas ziemlich Transparentes, und darunter schmiegt sich, das sieht man gleich, etwas Knallenges an dies Kunstwerk von Körper. Ich habe darüber nachgedacht. Es gibt im Schwimmbad diese Sammelumkleiden. Ich würde mich vermutlich dort bei den Mädchen mehrere Stunden freiwillig in einem der Schränke einschließen lassen, um sie einmal so zu sehen, wie Gott sie schuf. Ich würde mir ein Guckloch bohren. Es wäre mir egal, wenn ich am Ende Wadenkrämpfe hätte und an den Schultern Stellen, die erst wund werden und dann anfangen zu nässen. Ich möchte es so formulieren: Der Gott, der sich Candy ausgedacht hat, ist ein verfluchtes Genie. Candy geht in meiner neuen Schule eine Stufe über mir. Dazu fällt mir ein: Der Gott, der sich diese Konstellation ausgedacht hat, könnte an seinem Charakter noch feilen. Aber man weiß ja: Genies sind Hochbegabte. Hochbegabte gelten nicht unbedingt als die Leichtesten im Umgang. Ich bin nicht hochbegabt. Ich bin vom Umgang her voll okay, schätze ich. Aber das reicht natürlich nicht aus dafür, dass dich ein Mädchen wie Candy registriert. Dafür reichen die ersten Wochen nach den Sommerferien an der neuen Schule nicht. Dafür reicht es wahrscheinlich bis ans Schulende und bis zum Sankt Schießmichtodtag nicht.

Candy ist es einfach. Ihre Erektionswürdigkeit in allen Ehren, aber die alles entscheidende Sonderausstattung: der Humor, soweit ich das aus meiner Warte beurteilen kann. Ich stand letzte Woche in der Schulcafeteria nicht weit hinter ihr, und beim Bestellen hat sie gesagt: «Was ich brauche, ist jetzt ein Petit Four – und ich töte dafür!»

Würde es ein Klatschmagazin für die schillernde Welt der Vorstadt geben – Candy und Hengst wären das Paar! Sie fahren 2,5 Kilometer weiter ins ChackaBum! Ich gehe 25 Meter zur Hauptstraße vor, auf der null Komma null Verkehr herrscht, überquere die Fahrbahn und ernte für meine Bier-Hol-Aktion den verdienten Applaus.

Nach den interessanten Einblicken in das Vorstadtleben, hatten die Gäste die Möglichkeit, sich die Bücher vom Autoren persönlich signieren zu lassen.